Reviews & Interviews

2017/18


SUEDDEUTSCHE ZEITUNG (GER), 2018/02/04Licht für den Seelenkeller. Dad Horse Ottn erreicht in Glonn mit feinem Gospel die Herzen der Gäste. Über einen Abend, der in die Annalen der Schrottgalerie eingeht.

Gospel, die gute Nachricht, das Evangelium. Nirgendwo ist das dringender gebraucht als im Dunkel, sprich: in den Abgründen unserer Gefühle. Also genau jenem Ort, in den Dad Horse Ottn in Gedanken hinabsteigt, um mit seinen Liedern das vorhandene Restlicht zu aktivieren. Er wolle "selbst etwas in Brand stecken und etwas Helligkeit in die Keller der Seele bringen", sagte der Musiker zu Beginn seines Konzerts. Das gelingt schon deshalb ganz prächtig, weil seine Stacheldrahtstimme auf eine Art und Weise über die Hörgewohnheiten schleift, dass die Funken sprühen. Während seine Finger den Saiten von Banjo und Mandoline, seine besockten Füße dem Basspedal und seine Lippen dem Kazoo weiteren Zündstoff entlocken.

Der Schrottgalerie in Glonn mag es bei seinem Auftritt am Freitagabend so ergangen sein wie dem alten Haus von Rocky Docky, wartend "jeden Abend aufs neue Morgenrot". Nur dass eben nicht Bruce Low zur Tür hereingekommen ist, sondern ein musizierender Philosoph mit der Ausstrahlung eines Dr. House, dem disharmonischen Ego eines Tom Waits und der kompromisslosen Poesie von The Beautiful South. Wobei im Zusammenwirken etwas entsteht, was nicht die Summe der Bestandteile ergibt, sondern deren Potenz. Keiner der 14 Anwesenden, einschließlich des hingerissenen Gastgebers "Schrotter" Sven Friedl, konnte sich erinnern, je etwas Ähnliches gehört zu haben. Wären 100 dagewesen, hätte es sich genauso verhalten. "Kellergospel" ist an sich schon etwas sehr Seltenes und die "Dad Horse Experience" ist die singuläre Erscheinung darin.

Es wird einem warm ums Herz und hell in der Seele, während Ottn sich zum Erzähler von Geschichten wandelt, denen das Märchenhafte fehlt, die aber überfließen von dem, was die Keller des irdischen Daseins füllt. Er vergleicht diese Erzählungen mit Tätowierungen, "die wir nicht außen an uns dran haben, sondern innen, wo das Leben kleine Geschichten in uns hineinschreibt". So besingt er in "Dead dog on a highway" das schicksalhafte Ende eines müden Wanderns durch das Leben, in "Love is a meatgrinder" erinnert er an die zermürbenden Momente eines zerflossenen Lebensglücks. Oder er sinniert in seiner Version von "Moonshine" über die "Zombie-Inklusionsklasse" von Alkoholopfern. Lakonische Verse mit kargen Worten aus grobem Gestein gemeißelt, aber von einer so tiefgründigen Semantik, dass einem beim Zuhören die Gedanken stehen bleiben, weil der Herzschlag alle Kraft benötigt.

Wo im Folksong die Heiterkeit den Ausgleich zum harten Dasein sucht und im Country-Lied ein melancholisches Dasein seine Melodie findet, da führt Dad Horse Ottn den Blues dorthin, wo er wehtut vor Erkenntnis - aber als "Spiritual" auch durchdrungen ist von Lebenswillen und Hoffnung. Einmal zitiert der Musiker Hank Williams, ein andermal die Carter Family, aber, kein Zweifel: Es spricht viel Autobiografisches aus den Texten und Akkorden, man kann es nur ahnen, so verschlossen gibt sich sein Lebenslauf. Aber allein schon der Song des Pendlers, der den Morgenzug von Kirchweiher nach Bremen herbeisehnt und zugleich zu verfluchen scheint - den kann man nicht erfinden. Genauso wenig wie die trotzig-berührende Ballade "Kingdom it will come" von den ungeboren gestorbenen Kindern, die im Himmel auf der Straße tanzen. Da verkündet einer die Gospel, in dem mehr Glauben, Hoffnung und Liebe steckt als in jeder Kathedrale dieser Welt.

Musikalisch gesehen wird dieser Abend schon deshalb in die Annalen der Schrottgalerie eingehen, weil sich selbst dort noch keiner getraut hat, die Seele des St. Infirmary Blues so auf links zu wenden wie Ottn. Ergreifend vom ersten bis zum letzten Ton, die Freiheiten der Interpretation ausgereizt bis in den letzten Winkel, mit spielerischer Leichtigkeit springend zwischen himmelhoch jauchzenden Höhen und unergründlichen Tiefen. Immer ist es dabei seine gebrochene Kaschemmen-Stimme, mal an ihrer oberen Grenze krächzend, dann im satten Bass raunend, unter deren Kratzern, Dellen und Bruchkanten die instrumentalen Melodien und Rhythmen wie klares Wasser dahinströmen, bis es in einem zeitlupenartiges Ritardando fast erstarrt, bevor es in sattem Groove wieder dahinbraust. Derlei lässt einem beim Zuhören erst das Blut in dem Adern kochen und gleich darauf gefrieren.

Das Licht seiner Musik soll dazu beitragen, "dass wir uns nicht so sinnlos fühlen müssen wie ein Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe Gottes", hat Dad Horse Ottn seinen Zuhörern im Lauf des Abends versprochen. Spätestens beim gemeinsamen Blues-Stanzl-Singen zur Melodie von "Lord must fix my soul, turn the shit into gold" hatte er mit seiner Gospel alle erreicht und erleuchtet. Für den freundschaftlich ausgiebigen Applaus gab's zum Abschied einen Händedruck mit auf den Heimweg. Für jeden, von Herzen. (Ulrich Pfaffenberger)

AMERICANA-UK (UK), 2018/01/22 -about "I am a Stranger Here Below": Fifty years on this Earth in 2018 and Dad Horse Ottn, the German based eccentric behind this wonderful album continues to plough a furrow that is both deep and musically satisfying as well as wonderfully idiosyncratic and original. This is banjo-based Appalachian nu rock n roll! There’s gospel, bluegrass, Blues and bawdiness as well as Southern soul and yodelling, bondage and tram shootings.

So how does the casual listener approach such a disparate feast? With absolute abandon this reviewer would suggest. Each song is a delight in its own way and the blending of styles as the tracks progress create a wonderful whole. Laughing at the strong German singing accent is acceptable; as is being moved by the heartfelt plea on the cover of 'You'll Lose a Good Thing' all at the same time. This emotional climax is followed by the roughest of guitar sound in 'World Self Pity Blues' and yet they work together. 'Down the Mississippi‘'is a mad march featuring fuzzed guitar and a waltz time exploration of a man being tied up and subjected to the sadistic whims of his lover. How odd you cry. How odd indeed but like rutting badgers somehow compelling.

And perhaps that is the joy of this album. Genuinely new music steeped in the many of the tropes of the past with a great big side order of wtf! (Keith Hargreaves)

BAYERISCHER RUNDFUNK (GER), 2018/01/02Hinter "The Dad Horse Experience" – "Dad" wie "Vater" - steckt der Bremer Musiker Dirk Otten. Seit 2006 ist er mit Banjo und Basspedalen als Ein-Mann-Band international unterwegs, und hat in dieser Zeit fast ein Dutzend Singles, EPs und Alben veröffentlicht. Seine neueste CD "I Am a Stranger Here Below" ist kurz vor Weihnachten erschienen und ist für Bernhard Jugel die CD der Woche.

"Ich bin ein Fremder hier unten" singt Dirk Otten alias "The Dad Horse Experience" im Titelsong seines neuen Albums. Der Text des Liedes entstammt einem 200 Jahre alten Gesangbuch, und das erklärt vielleicht, warum Otten seinen an Blues, Country und Gospel orientierten Stil „Kellergospel“ getauft hat. Auch 13 Jahre nach seinem Coming Out als Musiker ist der 52-jährige Bremer noch ein "Underground-Phänomen", obwohl seine Auftritte mit Banjo, Basspedalen und Kazoo, seine humorvollen Ansagen und seine originellen Americana-Songs ihm längst eine kleine, aber treue Fangemeinde beschert haben.

Die Entertainer-Qualitäten des von den Fans "Dad Horse Ottn" genannten Künstlers bleiben auf den 10 Liedern seinen neuen Albums naturgemäß außen vor, dafür steht seine knarzende Stimme im Mittelpunkt und Otten zupft das Banjo so virtuos, dass man kaum glauben mag, dass er sich das Instrument erst mit Ende 30 selbst beigebracht hat. Vorher hatte er Theologie studiert und als Taxifahrer, Buchhändler und Sargträger gearbeitet. Inzwischen hat er in halb Europa und sogar in den USA gespielt, trotz oder vielleicht auch wegen seines deutschen Akzents mit einigem Erfolg.

Auf seinem neuen Album wird Dad Horse Ottn von befreundeten Musikerinnen und Musikern unterstützt – den Bluegrass-Klassiker "Wicked Path Of Sin" etwa singt Gabi Swiatkowska mit ihm im Duett - von der amerikanisch–französischen Band Tildon Krautz. Dirk Otten hat nicht nur ein große Faible für Folk und Country aus den USA, er hat auch ein deutschsprachiges Lied im Repertoire und wenn er dabei eine Panikattacke in öffentlichen Verkehrsmitteln besingt, erinnert das an den viel zu früh verstorbenen Hamburger Country-Adepten Nils Koppruch.

"Selten war traurig so lustig" stand in einer Konzertkritik zu "The Dad Horse Experience". Das trifft auch auf die neue CD zu. (Bernhard Jugel)

BIOTECHPUNK (GER), 2018/01/17 about "I am a Stranger Here Below": Was für ein Schnappschussplattencover, welches The Dad Horse Experience hier als Plattencovermotiv ausgewählt haben. Der Zitronenhund sagt hier würde Capser, das Gespenst, vom Plattencover grüßen. Ich muss sagen, ich habe davon leider keine Ahnung. Aber die Stimmung des Plattencovers gefällt mir ausgesprochen gut. Dieses warme, sommerliche. Erinnert mich ein wenig an Südeuropa, genauer an Spanien. Sehr trocken, sehr warm und auch sehr leer. Diese Ruhe, die hier ausgestahlt wird. Das alles hat ein wenig was von einem Roadtrip, aber ich schweife ein wenig ab, oder?

Doch soweit bin ich hier nun doch nicht vom Weg der Plattenbesprechung abgekommen, wobei ein wenig vom Weg abkommen sicher zum Roadtrip dazugehören kann.

Die sommerliche Stimmung, aber auch dieses Roadtrip Feeling, dieses Reisen in fremden, schönen, trockenen und vor allem warmen Gebieten bildet sich hier bei The Dad Horse Experience nicht nur im Artwork ab, sondern diese Stimmung kommt vor allem im Album selber, also in der Musik rüber.

I am a stranger here below ist für mich damit vielschichtig zu sehen. Einmal dieses Reisen, vielleicht mit einem Campinggefährt, irgendwas schönen, vielleicht auch langsamen mit dem ohne bestimmten Ziel durch die Lande gefahren wird und dazu die Scheibe hier läuft. Mag vielleicht ein wenig kitschig, vielleicht auch ein wenig romantisch klingen, aber diese Stimmungen kommen hier auf während ich diese Scheibe hier höre.

Mein Fazit: Im Kern mag vielleicht das Genre das The Dad Horse Experience spielt hier überhaupt nicht in den biotechpunk passen; jedenfalls auf dem ersten Blick. Aber wenn ich genau reinhöre, mich ein wenig mit dem Album beschäftige ist es genau diese Musik die hier passt und mir gefällt. Das ist genau die Musik die mir gerade Spaß macht.

Eingängige kleine Lieder, kleine Geschichten die hier erzählt werden. Ein wenig wie der Einsame Gitarrenmann der durch die Welt streift wie ein Lonesome Cowboy. Wie ein Wanderprediger, welcher selbstlos seine Lieder spielt und ein jeder der sie hören mag kann hören.

Dabei beginnt das Album recht Country lastig, aber geht dann immer weiter und tiefer durch die Elemente, von Country zu Gospel und was dazwischen noch so passen mag. Wobei ich finde das dies nur die Rahmenbedingungen sind und The Dad Horse Experience hier im Kern einfach diese Elemente als Rahmen nutzen und da drin wird dann gemacht was gefällt.

Ein schnelles Fazit im Fazit; I Am A Stranger Here Below ist ein gelungenes, überzeugendes Album geworden, welches kreativ und frei daher kommt und mit damit einfach nur gefällt. Hier ist Musik wie sie sein sollte und damit den Bogen zum Punk schlägt; einfach frei in dem wozu sie Lust und Laune hat. Eine sehr schöne Platte. (Sebastian)

ADOPTE UN DISQUE (FR), 2018/01/17 about "I am a Stranger Here Below": 2008. The Dad Horse Experience naît. Né d’une passion pour l’americana et d’une découverte tardive du banjo. Il faudra quelques années et l’album « Dead dof on a highway », pour que sa musique me parvienne. Des influences nobles interprétées avec un humour, détachement et avec un accent pour le moins particulier. Un compromis bizarre entre troisième et premier degré, qu’on ne peut totalement prendre au sérieux mais qui fait preuve de-ci de-là de sérieuses qualités de composition, entre americana de plouc, blues rock et gothicana. Le style du « groupe » s’est affirmé, et c’est avec plaisir que je le retrouve aujourd’hui pour ce quatrième album à la tronche très indie américain mais qui conserve toute sa personnalité. Minimaliste, fun et bricolé, « I am a stranger here below » est un (autre) bon disque, chargé de chansons fort sympathiques à l’arrière-goût drôlatique. On retiendra plus particulièrement « My last ride », l’intoductif « That’s the day », « My rough and rowdy ways », « Down the Mississippi » et le morceau-titre. On ne va pas se mentir, sur une partie des titres cités, il est difficile de différencier The Dad Horse Experience d’un O’Death, un The Devil Makes Three ou à la limite d’un Those Poor Bastards, du moins si on fait abstraction de la voix du bonhomme, qui présente vraiment un timbre et une diction qui le rend unique. Mais quoi qu’il en soit, voici un disque trop court mais fidèle en qualité et en variété à ce qu’on pouvait attendre du projet. Et pour une fois, il ne vient pas d’outre-atlantique ! (Dyvvlad)

UNG TRO (SWE), 2018/01/17: POSITIV UPPLEVELSE. Mannen bakom The Dad Horse Experience är tyske Dad Horse Ottn som vid fyrtio års ålder (för ca tio år sedan) plockade upp banjon och började spela sin källar-gospel. Jag stötte för första gången på honom för ca sju år sedan i samband med släppet av tre fantastiska vinyl-sjuor. Dessa var grymma både till musik och den tecknade layouten på omslagen. Musiken på dessa kom även på fullängdaren “Dead dog on a highway som släpptes samma år (2011).

Ett antal släpp senare är det nu dags för nya plattan “I am a stranger here below”. Vid första anblicken blir jag skeptisk. På omslaget typ finns en Michelin-gubbe och en bensinstation. Dock är musiken väsentligt bättre än omslaget. Överlag får lyssnaren fartfylld källar-gospel och rockiga tongångar av samma skitiga slag som vi fått på tidigare släpp. Det är lite mindre av mörker, galenskap och desperation än på tidigare släpp. Det tycks vara mer fokus på ljus och hopp. Dock finns det ett och annat spår som framförs i ett lugnare tempo, på gränsen till ballad-aktigt och det är inte en fördel. Överlag, dock en väldigt positiv upplevelse. (Mattias Gustavsson)

ROCK TIMES (GER), 2017/12/21 about "I am a Stranger Here Below": Auf der CD steht in großen Lettern: »Don’t listen while driving or operating heavy machines«

Den emsigen Bremer Dad Horse Ottn könnte man als das fünfte Tier der bekannten Stadtmusikanten – bitte ganz unabhängig davon, worum es im Märchen der Gebrüder Grimm geht – ansehen. So stellt sich nur die Frage, auf welchem Rücken ein Chamäleon Platz finden könnte?

Dad Horse Ottn trägt eine Grubenlampe, befindet sich im Förderkorb in einer rasanten Fahrt in die Teufe der Seele. In der Dunkelheit gilt seine Exkursion der Suche nach den Schätzen der Emotionen und ist in den hintersten Ecken, dort wohin bisher so ziemlich noch niemand vorgedrungen ist, fündig geworden.

Bei seinen Forschungen ist er auch auf Ablagerungen der R&B-Sängerin Barbara Lynn ("You’ll Lose A Good Thing"), dem Blues-Musiker Jimmie Rodgers ("My Rough & Rowdy Ways") beziehungsweise Bill Monroe("Wicked Path Of Sin") gestoßen.

Deutsch gesungen streifte der Protagonist noch einen Zipfel der fast schon verkapselten NDW. Der schrullig-avantgardistische Bremer präsentiert seinen Text in "Ich steig in die Bahn" ganz bewusst lasziv-verquer. Dazu singt der Mädchenchor der Jugendforensischen Abteilung im M.A.-Littler-Fachkrankenhaus Rodgau in Kindersinggemeinschafts-Manier. Man muss schon einen aufgeschlossen Bezug zur Musik haben, wenn man den Song-Raritäten folgen möchte und sie obendrein mindestens interessant findet. "Ich steig in die Bahn" ist jedenfalls eine Nummer, die die Band Foyer Des Arts oder andere Vertreter der NDW nie zu veröffentlichten gewagt haben.

Der Banjo-Freak lässt allerdings auch andere Klangkörper zu Wort kommen. So befinden sich in der auf der anderen Seite gelegenen Waagschale die akustische oder elektrische Gitarre, gespielt von Gregg Weiss, der gemeinsam mit Dad Horse Ottn auch produziert hat, sowie Neil McCarthy. Hier und da ergänzen eine Orgel, eine Flöte oder Mandoline  den Sound gewinnbringend. Mit dem geschulterten Banjo wandert The Dad Horse Experience "Down The Mississippi". Der vom rauen Wind geschliffene 12-Takter kommt gut an, und laut Information zur Platte handelt es sich hier um eine »[…] SM-Ballade. Der arme Dad Horse als hilfloses Objekt ihrer sadistischen Gelüste in den Fängen einer Lady in Lila […]«, Peitschen-Klänge inklusive.

Dad Horse Ottn singt die englischen Texte mit einem deutschen Gefälle-Akzent. Er ist ein typischer th-Sünder, was ihn im Kontext seiner Musikalität nur noch sympathischer macht.

"World-Self-Pity-Day-Blues" ist seelische Selbstbemitleidung, bei der selbst der Hörer ein Taschentuch in Griffnähe bereit liegen hat. Neil McCarthys fuzzige E-Gitarre klingt wie die Befreiung aus der Blues-Zwangsjacke.

In "My Rough & Rowdy Ways" hatte Jimmie Rodgers auch schon das Jodeln drauf. So schallte es auch hier aus dem hohen Norden in Dad Horse Ottn-Manier und das Echo wird von den Alpen reflektiert.

Wohin geht die Reise für den progessiven Künstler in "My Last Ride"? Musikalisch verpackt als Country-Schunkler postuliert der Protagonist: »[…] There’s an empty chair in heaven, there’s an empty chair in hell, both they have my name on it & both might suit me well. […]«

"Wicked Path Of Sin", ein Duett mit Gabi Swiatkowska, verlegt man kurzerhand in eine Berghütte und das dramatische Ende bestreitet der Titelsong "I Am A Stranger Here Below".

So ist es halt mit der zweimal von der Muse geküssten The Dad Horse Experience … entweder oder. Bei der vorliegenden Platte kommt man zu einem identischen Fazit, wie es Kollege Markus für Eating Meatballs On A Blood-Strained Mattress In A Huggy Bear Motel schon formulierte: »[…] Entweder man liebt den Bremer oder man hasst ihn, dazwischen wird es kaum einen Millimeter Platz geben. […]« Innerhalb von nur einunddreißig Minuten Gesamtspielzeit hat The Dad Horse Experience jedenfalls einen neuen Fan.(Joachim Brookes)

UNDERDOG (GER), 2017/12/15 about "I am a Stranger Here Below": Hinterwäldlerisch, überholt und altmodisch – das Banjo hat einen schlechten Ruf. Dagegen kämpfen seit einiger Zeit MusikerInnen wie Dad Horse Ottn an, die das Instrument neu entdecken.

 Dad Horse Ottn hat z. B. erst mit 40 Jahren angefangen, auf einem geschenkten Tenorbanjo Musik zu machen und lässt sich inspirieren von in Vergessenheit geratenen Gesangsbüchern, Selbstmitleid-Tagebucheinträgen, dem Alltags-Blues aus Bremen und Memphis. Banjo, Fußorgel, Kazoo und Gesang zwischen Amoklauf, Phobien, Melancholie und subjektiven Erklärungsformeln, werden in Dad Horse Ottns Pathologie der Gefühlswelten musikalische Begleiterscheinungen zu einem kreativen Impuls für Genialität und Therapie. In der Country-Musik und im Dixieland gehört das Banjo ja zum Standard, Dad Horse Ottn kokettiert aber eben auch mit Soul, Pop und eigenbrötlerischer Avantgarde. Heraus kommen uramerikanische Klänge und zeitgenössische Sounds. Das Zupfinstrument als Sinnbild für unangepassten Individualismus, den Dad Horse Ottn zwar auf einer traditionellen Spielweise anstimmt, aber mit innovativen Inhalten ausschmückt.

BLUESBUNNY (UK), 2017/12/11 about "I am a Stranger Here Below": Just when you thought it was safe to go back in to the woods, The Dad Horse Experience hunts you down once more with his new album “I am a Stranger Here Below”. Those of you familiar with his distinctly offbeat, and usually banjo powered, oeuvre will no doubt be pleased about that but it is also of note that The Dad Horse Experience isn’t just giving us more of the same this time around and, in fact, he seems determined to prove that he is more than a one trick pony.

The banjo is still there, of course, but this album highlights the fact that The Dad Horse Experience is out to have a bit of fun these days as he turns from his usual musical fodder – “Down The Mississippi”, for example – towards a series of curiously chosen and affectionate ventures into stranger lands. This may be the result of some sort of madness that has overcome The Dad Horse Experience but it works nonetheless whether it is the gloriously camp old timey styled “My Rough and Rowdy Ways” that is easily capable of making the west swing from a noose or his literal and yet simultaneously oblique take on Barbara Lynn’s soul classic “You’ll Lose A Good Thing”.

Not many albums will leave you with a big smile on your face yet that is exactly what The Dad Horse Experience will do for you with “I Am a Stranger Here Below“.

KULTURFORUM (GER), 2017/11/23 about "I am a Stranger Here Below": Unser Herr Jesus konnte seinerzeit auch nicht alle Glaubensgemeinden seiner Kirche höchstselbst mit seiner Anwesenheit beehren und jedes seiner Schäfchen mit individuellen Erweckungs-Predigten auf den rechten Pfad der Tugend leiten, deshalb hat er vor dem einstweiligen Entschwinden in Richtung World Trade Center In Heaven seiner engsten Gefolgschaft die wesentlichen Wahrheiten ins Notebook zwecks späterer Bestseller-Publikation diktiert, unserem liebsten Gegenpapst und Kellergospler D. H. Ottn aka The Dad Horse Experience ergeht es dahingehend kaum anders, nicht jeder wohnt im schönen Hopfenland der Hallertau in der Nähe des Stilwirt-Münsters oder in Spuckweite zur Münchner KAP37-Kathedrale und hat damit dank kurzem Pilgerweg Gelegenheit, persönlich die Gott-gefällige Predigt und Absolution aus dem Munde des Walking Dad zu empfangen, für die nach Wahrheit und Erlösung dürstenden Seelen in der Diaspora hat die Dad Horse Experience jüngst eine an jedem gut sortierten Devotionalien-Stand der Tonträger-Industrie erwerbbare, brandaktuelle Psalmen-Sammlung mit Namen „I Am A Stranger Here Below“ veröffentlicht.

Reverend Ottn tummelt sich auf dem neuen Werk wie auf vielen seiner Kellergospel-Evangelien zuvor gedanklich weitaus mehr in den finsteren Gewölben der geistlichen Behausungen als in den lichtdurchfluteten Kirchenschiffen, im besten Southern-Gothic-Wanderprediger-Geist zelebriert er quengelnd das bereits konzertant mehrfach vernommene und bewährte „I Know Your Name“, begibt sich mit dem entspannt-lakonischen Bar-Blues „You’ll Lose A Good Thing“ aus der Feder der R&B-Musikerin Barbara Lynn an den Tresen zum Trost-Spenden für die nach geistiger Labsal dürstenden Alkoholisierten – Spirit statt Sprit, quasi – und gedenkt großer Säulenheiliger wie Bluegrass-Legende Bill Monroe in „Wicked Path Of Sin“ und dem frühchristlichen Country-Gott Jimmie Rodgers mit der für ihn typischen 1920er-Jahre-Jodel-Nummer „My Rough & Rowdy Ways“aus der amerikanischen Great-Depression-Ära.

Die Bibelstunde für den Messdiener-Nachwuchs und die geistige Fürbitte für den jüngst verweisten Bischofssitz vom deutschen Country-Kardinal Gunther Gabriel kommt in dem in teutonischen Zungen gesungenen Semi-On-The-Road-Schunkler „Ich steig in die Bahn“ nicht zu kurz, die Dad Horse Experience erfährt dabei Unterstützung im sakralen Gesang durch den Mädchenchor der Jugendforensischen Abteilung im M.A.-Littler Fachkrankenhaus Rodgau, bei der Gelegenheit vernehmen wir die frohe Kunde, dass El Comandante im Slowboat-Bunker nicht nurschöne Filme und – in Kollaboration mit SH Ottn – feine No-Culture-Literatur-Magazine fabriziert, sondern darüber hinaus auch noch seinen Beitrag zum Gesundheitswesen leistet – wir zücken den Stift und ändern flugs die Patienten-Verfügung.

Das Titelstück speist sich aus der Eintragung Nr. 380 der „Primitive Hymns. Spititual Songs & Sacred Poems“, erstmals in Druck gelegt in Greenville/Alabama im Jahr des Herrn 1858, sozusagen Alttestamentarisches im Kellergospel-Kontext. Die restlichen Psalm-Verse aus dem aktuellen DHE-Brevier manifestieren sich als die gewohnt guten, angeschrägten Country-Blues-Shuffles, zu Teilen in ausgeschmückter Instrumentierung.

Papisten, Methodisten und Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (und alle anderen auch), gehet hin, tut Buße und erwerbt die tonale Erweckung „I Am A Stranger Here Below“ zur Erbauung am heimischen Herrgottswinkel. Bibel TV, die alljährliche Fernsehansprache der vom Gott-gefälligen Pfad längst abgekommenen Pfarrerstochter aus der Uckermark, „Heintje singt Weihnachtslieder“ oder dieses unsäglich abgeschmackte „Last Christmas“-Teufelszeug wird Euch auch in der kommenden Adventszeit dem Seelenheil keine Elle näherbringen. (Gerhard Emmer) 

WESER KURIER (GER), 2017/03/19: Zerschossene Bekenntnisse.  The Dad Horse Experience, das klingt nach Jimi Hendrix' legendärem Trio. In Wirklichkeit aber ist es Bremens einsamste One-Man-Band.

Und auf den Gedanken, Dad Horse Ottn einen Virtuosen am Banjo zu nennen, käme vermutlich niemand. Sein Schaffen, von ihm selber sehr treffend als Kellergospel tituliert, ist quasi der Gegenentwurf zu jeglicher Perfektion. Der Musiker, der im Lagerhaus zum wiederholten Heimspiel antrat, sagt, ihn faszinieren Musiker, bei denen man immer bange ist, ob sie wohl auch den nächsten Ton noch unfallfrei bewältigten. So ähnlich ist auch sein Vortrag, der allerdings über deutlich mehr Klangvarianten verfügt als frühere Shows des spätberufenen Autodidakten.

Dass er auch eine achtsaitige Mandoline beherrscht und sich gleichzeitig mit Basspedalen begleitet, singt oder Kazoo spielt, war so nicht zu erwarten. Seine Songs aber bleiben zerschossene Glaubensbekenntnisse eines Gefallenen, der immer wieder aufsteht und weiter durch die Hölle geht. Seine düstere Philosophie ist dabei durchaus einleuchtend. Jeder Verlust sei gut, denn am Ende könne man ja sowieso nicht mal eine Zahnbürste mitnehmen, sagt er. Und überhaupt: Das Leben sei wie eine Tankerfahrt, bei der die Möwen solange ihren Dreck aufs Deck fallen lassen, bis das Schiff schließlich sinkt.

Der Soundtrack dazu sind Gospels, Spirituals und Countrysongs, die von den Wellen aufgeschaukelt sind. Geschmeidig dahin gleitet bei Dad Horse Ottn nichts, der Akzent ist hart und kantig, die Melodieführung rau und das Tempo schleppend. Die Leidenschaft und Hingabe, aber auch der unschlagbar lakonische Humor des Überlebenskünstlers machen ein Konzert seiner Experience tatsächlich zu einer Erfahrung, die insofern an die Grenzen geht, als dass sie zielsicher in die tiefsten Keller des Daseins hinabführt. Dorthin kommt kein Licht, aber immerhin sein Lied. (Lars Fischer)