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Nacht wie ein Messer/Cuxhaven - 10" vinyl

Nacht wie ein Messer / Cuxhaven

10" vinyl record, case sleeve inside-out-print, white inlay sleeve

A: Nacht wie ein Messer (6:58)

B: Cuxhaven (5:55)

Dad Horse Ottn (vocals, banjo, mandoline) performing with Ayumi Valentina Tovazzi (violin), Matze Schinkopf (trumpet, melodica), Michael Jungblut (electric guitar), Olaf Liebert (bass) & Hanno Janssen (drums).

Limited quantity of 220 is made in snot coloured vinyl.

 

12,00 €
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Wenn man die etwas trostlos und austauschbar geratene Innenstadt gen Alten Hafen verlässt, kurz bevor man die stählerne Klappbrücke an der Zollkaje überquert und linker Hand das Havariekommando des Schifffahrtsamts passiert, dann steht da ziemlich verlässlich jeden Tag die kleine Fischbude Knobloch. Wahrscheinlich hat ihr Betreiber schon vor Jahren geahnt, dass es keinen besseren Ort in ganz Cuxhaven gibt, um havarierten Nachtschwärmern nach dem letzten Herrengedeck ein ehrliches Krabbenbrötchen mit auf den Fußmarsch zur Alten Liebe zu geben, dem sentimentalen Wahrzeichen jener Stadt an der Elbmündung in die raue Nordsee, wo sie dann melancholisch und ein wenig angedüdelt den riesigen Containerschiffen auf ihrer Reise in die Welt hinterherwinken. Wäre dieser Moment eine Szene aus einem Film, sagen wir mal von Jim Jarmusch, dann wäre es gut möglich, dass genau jetzt die beiden neuen Songs der Dad Horse Experience einsetzten, und die Kamera würde aufziehen und den Blick freigeben auf das offene Wattenmeer in all seiner grauen, bittersüßen Schönheit.

Diese beiden Songs, die uns Dad Horse Ottn, namensgebender Kopf und kreatives Allroundgenie der Band, im Sommer 2022 präsentiert, sind nicht nur bemerkenswert, weil sie im wunderbaren und viel zu selten genutzten 10inch-Format auf Vinyl erscheinen. Sie sind es vor allem deshalb, weil sie uns eine Welt eröffnen, in die man gerne viel länger eintauchen würde als für nur zwei Mal sechs Minuten Spiellänge. Und weil es auch für Ottn selbst ein Aufbruch ist zu neuen Ufern, ein Abschied von der einst erschaffenen, herrlich schrägen Welt des Keller-Gospel.

Diese Welt hat ihre Wurzeln im Oldtime-Gospel der Carter Family, bei Washington Phillips oder Arizona Dranes, und bei den Müttern und Vätern des Bluegrass; bei Lester Flatt, Bill Monroe oder Earl Scruggs, jenen raubeinigen Recken, die mit ihren von Wind und Wetter gegerbten Gitarren, Fiddeln, Mandolinen und Banjos das Great American Songbook unter ihre Landsleute brachten. Natürlich kennt die heute so gut wie niemand mehr, weil man ja schon froh sein kann, wenn noch ein paar Leute wissen, wer Hank Williams und Woody Guthrie waren. Aber sie alle, das ist sicher, hätten ihn geliebt, diesen seltsamen Dad Horse Ottn aus dem noch seltsameren Bremen, so wie er sie schon immer geliebt hat und doch erst mit 39 Jahren den Mut fand, dieser Liebe zu folgen, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen und mit einem Tenor-Banjo um die Welt zu ziehen und ihr seine ganz eigene, ins Surreale verdrehte Version des Gospel zu bringen. Und genau wie seine Vorbilder beschäftigte sich Ottn in seinen Songs mit dem Scheitern, mit der Sünde, mit Abgründen, mit Sorgen und Zweifeln und natürlich auch dem Tod. Dass genau dies aber, so paradox es vielleicht klingen mag, bei all der Dunkelheit auch eine Menge Spaß machen kann, war bei der Dad Horse Experience von Beginn an Wesenskern seines Unterfangens. Denn Dad Horse Ottn hat immer mit der wunderbaren Doppelbödigkeit und Rotzigkeit der Roots Music gespielt, die weiß Gott mehr mit der Haltung des Punk zu tun als mit der landläufigen Auffassung von Kirchengesang.

Das fängt schon damit an, dass Ottn seit jeher so singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: intuitiv, frei, manchmal schräg und gebrochen, aber immer authentisch und unverstellt. Schließlich ist nicht die anmutige Performance das Entscheidende, sondern die Botschaft der Songs. Und es war immer deren ganz eigene Qualität, mit der sich Dad Horse Ottn über die letzten Jahre eine immer größer werdende Zuhörerschaft auf der halben Welt erspielt hat und die seinen Keller-Gospel zu einer eigenen Trademark hat werden lassen.

Mit den beiden neuen Songs „Nacht wie ein Messer“ und „Cuxhaven“ verlässt er nun – begleitet von seiner wunderbar geschmackvollen Band – diesen sicheren Hafen und bricht zu den eingangs erwähnten neuen Ufern auf, um ein Fenster weit in den Abgrund zu öffnen. An einen solchen Ort mitgenommen, vermögen nur wirklich große Künstler ihre Hörer zu berühren, und es ist ein Ausweis von Dad Horse Ottns Kunstfertigkeit, dass ihm diese Weiterentwicklung, dieser Reifeprozess gelingt. Die Sprache ist nun unmittelbarer – Ottn singt nicht mehr auf Englisch, sondern in seiner Muttersprache Deutsch – aber die Themen sind abstrakter, emotionaler, introspektiver. Zwar geht es immer noch darum, die Prüfungen des Lebens und die Härten des Daseins zu ertragen. Aber es sind nun nicht mehr die Unbillen der Außenwelt, sondern die Zumutungen der Innenwelt, die Unzulänglichkeiten des eigenen Charakters, die Ängste, die Traurigkeit, die eigene Dummheit. In „Nacht wie ein Messer“ ist es vor allem die Auseinandersetzung mit dem Sterben, es geht um die Zone zwischen Leben und Tod, in welcher der Gestorbene erst ganz langsam gewahr wird, dass er gestorben ist. Es ist quasi eine besungene nachtodliche Gemütslage, an der Kurt Weill wahrscheinlich genauso viel Freude gehabt hätte wie Sven Regener. In „Cuxhaven“ ist es die Melange aus Melancholie und absurder Komik, die einem augenblicklich diese nicht rational zu erklärende Lust auf Fischbrötchen in der Tristesse einer dank nachkriegszeitlicher Funktionalitäts-Architektur in die Charakterlosigkeit verbauten Hafenstadt im Nieselregen macht. Vielleicht machen Stuart Staples und seine Tindersticks genau solche Musik, wenn die Nacht am dunkelsten und der Rotwein leer ist und sie gemeinsam um die Häuser schunkeln wollen.

Ihnen allen geht es wie der Dad Horse Experience um das Weitertragen der Flamme, um das Erzählen von finster-schönen Moritaten aus der Welt des Abseitigen und Kaputten, des Ulkigen und Absurden. Es geht um die Würde im Niedergang, die einen lässig in das Antlitz des eigenen Dramas grinsen lässt. Für manchen Hörer mag das aus der Zeit gefallen wirken, dabei ist es das exakte Gegenteil. Es ist Schönheit, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbart. Es ist das, was Bob Dylan einst einmal unvergleichlich treffend als „healing music“ bezeichnet hat. Und so etwas fällt niemals aus der Zeit, sondern war schon immer zeitlos, und vielleicht brauchen wir genau solch eine Musik gerade mehr als jemals zuvor.

Mathias Lösel

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